Freitag, 14. März 2008

11. Folge: Fliegende Fauteuils

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 11: Fliegende Fauteuils (Aufführung vom 14.3.2008)
Regie: Tomas Schweigen
Seite 790-842

In der Mitte des Raumes diesesmal ein mächtiger Sarg, Sitzgelegenheiten in respektvollem Abstand, die Fenster verdunkelt. Bereits beim Einlass befinden sich die Schauspieler im Raum bzw. kommen gemeinsam mit dem Publikum zu dieser Trauerfeierlichkeit. Die Schauspieler geben eine ernste Stimmung vor; betreten blicken sie, und obwohl es "4 gegen 30" steht, befindet sich das ganze Publikum nach dem Verschliessen der Tür in dieser beklemmenden Wartehaltung, die auch einer Totenwache zu eigen ist. Das Stück beginnt heute mit diesem Zu-Machen der Haupteingangstür, und die Stille, die nur durch sachtes Orgelspiel (Bachs "Passacaglia" BWV 582 ganz zu Beginn und das wunderschöne Adagio aus der großen "Toccata in C-Dur" BWV 564) veredelt wird, macht alle Anwesenden zu Trauergästen.

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Johannes Zeiler, der heute nicht durch die Titelmelodie und den sonst am Beginn üblichen Ansager in eine bestimmte Rolle (Melzer, Fraunholzer, Doderer oder sonst wen) transportiert wird, ist der erste, der sich bewegt. In zaghaftestem Tempo geht er, jedes Knarren der Holzdielen vermeidend zur gegenüber sitzenden Marion Reiser, um mit ihr unverständliches zu flüstern.

Es ist Etelka, die Schwester René Stangelers, die hier im Zentrum der Ereignisse heute ihren Raum posthum bekommt. René (Christian Dolezal) ist anwesend und erzählt, wie er nach Budapest gefahren, und dort über die Umstände ihres Ablebens in Kenntnis gesetzt worden ist. Doch die Stille (und Renés Erzählung) wird unterbrochen, die Versatzstücke aus den vergangenen Folgen tauchen auf - die Titelmelodie bricht in die Stille, der Ansager plärrt eine Kurzzusammenfassung, das Telefon läutet... und die ansonsten schon zur Gewohnheit gewordenen Serien-Erkennungselemente verwandeln sich in Störungen, denen sich die Schauspieler gemeinsam zu erwehren versuchen, um die Ruhe und Andacht wieder herzustellen.

Erstaunlich war, wie gut das funktionierte, mit wie wenig Mitteln bereits eine völlig andere Grundstimmung hergestellt wurde als in den Folgen zuvor. Die meiste Zeit des elften Abends blieb auf dieser doch gemessenen Ebene, auch wenn es viele Passagen gab, die durchaus mit viel Humor vorgebracht wurden (etwa die Erörterungen von Zeiler über die Formen des Serientodes, oder aber auch das Interview mit Angela Ascher über ihren persönlichen Umgang mit dem Tod der Figur, die sie verkörperte) wechselte die Stimmung bisweilen, wenn René seinen Erzählfaden weiterspinnt, oder Asta Stangeler (Marion Reiser) die Bühne betritt und den Lobessermon auf die Verstorbene mit den Worten "meine Schwester war krank. Sie war manisch-depressiv" unterbricht, und ein Video mit vergangenen Szenenfragmenten, Versatzstücke einer Figur, vorspielt. Etelka bekommt in diesen kurzen Momenten ein klar umrissenes Wesensbild, das in den Folgen davor nur zwischen den anderen Handlungsfragmenten aufblitzte. Besucher der ganzen Serie konnten hier Erinnerungen auffrischen: wie das ja auch bei Abschieden durch Ableben oft der Fall ist.

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Am Ende gewinnt aber das "Gesetz der Serie" doch wieder (wenn auch nur kurz) die Oberhand. Der Serien-Ansager meldet sich zu Wort und stellt ein paar der Schauspieler hinter dem Sarg auf, damit sie schnell noch eine Szene "kreativ" umsetzen, z.B. die Szene mit Eulenfeld, Mimi/Editha und Thea Rokitzer, die von den Duplizitätsgören "gerollt" wird. Flugs ist aus René der Rittmeister geworden, Reiser und Ascher spielen zunächst die Zwillinge, bevor also Thea hereinkommt und die Melzer-Papiere an sich nimmt. Diese Passage ist mit einer derart erfrischenden Selbstironie gespielt, dass der Kontrast zum restlichen Abend sich kurzfristig stark etablieren konnte. Ein wenig wie die Erholung nach einem Begräbnis... und alles hätte so witzig mit einem Cliffhanger wie sonst auch enden können, wenn nicht plötzlich die Tür aufgesprungen und der Konsul Fraunholzer hereingestürmt wäre, um einen Teil Renés früherer Erzählung eindrucksvoll umzusetzen:

"(...)Ich sah Robert am Fußende des Bettes zusammenbrechen, zusammenrumpeln, als hätte man dort einen Sack mit Holzscheiten ausgeleert. Eine ungeordnete Masse, aus der es stöhnte, wirklich wie Hals über Kopf, Arm über Hand.(...)"

Somit endete der Abend in ernster, gemessener Grundstimmung, und hinterlässt das Gefühl, einer sehr differenzierten Betrachtung über die Tatsache des Todes beigewohnt zu haben. Der Tod Etelkas führt zu vielen weiteren Ereignissen im Roman und hat somit in der Serie den verstörenden Raum erhalten, den er verdient.

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