Folge 12: Der traurige Filou oder Omelette suprise

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 12: Der traurige Filou oder Omelette suprise (Aufführung vom 20.3.2008)
Regie: Harry Brückner
Seite 842-909

Eines der Geheimnisse des Lebens ist - so betont es Doderer nicht nur in zahlreichen theoretischen Abhandlungen, sondern auch praktisch demonstriert z.B. im Stiegenroman - das "fatologische Gewebe", dieses Netz aus einander bedingenden kleinen Details, bei dem es auf jede Einzelheit ankommt. Was wäre, wenn dieses oder jenes nicht geschehen wäre... und was hätte es nach sich gezogen... bzw. wieso ist auf dieses eine Ereignis wirklich dieses andere erfolgt, das dann dieses dritte Geschehnis ausgelöst hat, noch dazu nahezu gleichzeitig. Beim Lesen und Näherkommen der Strudlhofstiegenarchitektur (also: der Romanarchitektur) entwickelt der Leser (da muss er gar nicht ein "idealer" Leser sein) ein Gespür für diese auf so charmante Art und Weise humorvolle Art, das Leben zu sehen.

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Fast körperlich spürbar wurde es am Beginn der abschließenden zwölften Folge begreifbar gemacht, was geschieht, wenn eine Figur einfach nicht da ist: das Gewebe ist gestört, es können Ereignisse auf der Bühne nicht so ablaufen, wie ursprünglich geplant. Das "fatologische Gewebe" greift natürlich auch bei den dramatischen Künsten, und wenn eine Figur sich weigert (Angela Ascher) ihre Rolle zu übernehmen, dann haben die anderen Figuren einiges an Problemen. Doch die Figur kann dem Gesetz der Geschichte nicht dauerhaft entfliehen. Die anderen Schauspieler sorgten dafür, dass alles den inzwischen schon liebgewonnenen Gang geht: den Gang der "inszenierten Improvisation", wo diesmal aus Mangel der eigentlich zentralen Figur (Mary K.) der Major Melzer (Johannes Zeiler) das Motto aus der Strudlhofstiege lesend vorträgt. Er wird dabei zwar von Marion Reiser ein paar mal im Lesefluß abgelenkt, aber in Erinnerung an die ganz erste Folge rückt sich da für mich etwas gerade: SO kann dieses wunderbare Gedicht trotz Störungen und nicht ganz lupenreinem Vortrag wirklich beeindruckend herüberkommen. Am Telefon fehlt einfach der Schauspieler dazu; auf subtile Weise schließt sich da ein Kreis.

Die Schauspieler waren für zwölf Wochen in dem Roman zu Hause, und es wird auch spürbar, dass es den vieren nicht leicht damit ist, Abschied zu nehmen. Für die Besucher aller zwölf Teile (zu denen ich mich glücklicherweise zählen kann) gerät die letzte Folge zu einem grandiosen Finale. Die Höhepunkte aus den vergangenen Wochen tauchen wieder auf, und die Darsteller zelebrieren diesen Abschied mit viel Hingabe. Großartig der neuerliche Wutausbruch des Rittmeisters (Christian Dolezal), gegen den sich allerdings, anders als in Folge 5, die Theo Rokitzer mit einer sehr überzeugenden Gegenwut zu erwehren weiß. Das passiert zwar im Roman nirgends in der Form, hat aber dadurch seinen Platz, dass durch die Verlobung mit Melzer schon in gewisser Weise dem Rittmeister erfolgreich das Maul gestopft wird (was ja auch Zeit wurde).

Melzers Vornamen erfahren wir auch in der Theaterfassung selbstverständlich nicht, dass ihn aber auch Melzer selbst nicht weiß, und ihn die Thea Rokitzer somit auch nicht erfährt, und sich selbst einen Namen ausdenken soll... das liegt weit hinter der genialen Idee Doderers, hier die Figur des Melzer als quasi Unbekannten erst sich erheben zu lassen, der durch ein Wort, das "der Autor nicht kennt", und daher auch nicht aussprechen oder niederschreiben kann, seine Weihe erfährt. Dieser Moment wird in dieser Inszenierung nicht annähernd umgesetzt, aber was macht das schon?

Sehr vieles wurde auch in dieser zwölften Folge verändert, umgestellt, durcheinandergewirbelt, in Frage gestellt und spielerisch dramatisiert. Das Ende als rauschende Hochzeit findet statt, da deckt es sich wieder mit dem Buch. Aus dem Gewirr aus fragmentarischen Bezügen erhebt sich letztlich viel Liebe fürs Detail und eine berauschende Szene, die mit starkem Applaus zu recht belohnt wird.

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Das letzte Omelette war wieder überraschend und macht Appetit auf mehr. Einer epischen Literatur sich so zu nähern, so spielerisch, so kreativ, so erfrischend, das sollte Schule machen. Das Publikum wird, genau wie die Schauspieler und Regisseure auch, den Roman nunmehr mit anderen Augen lesen, und eines ist gewiss: so verwirrend, wie die Theaterfassung es ist, ist das Buch keinesfalls.
Und es bricht somit also eine neue Ära der Doderer-Lektüre an, wenn ein neuer Leser der Strudlhofstiege, vom Theater kommend, nach den ersten 100 Seiten der Strudlhofstiegenlektüre sagt: "Was für eine Erholung".
Das ist eine echte Leistung... und nicht nur dazu meine Gratulation!

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