auszüge
ich führe, abseits dieses weblogs, ein mit füllfeder geschriebenes tagebuch, ein moleskine-diary mit einer seite für jeden tag.
in diesem buch verfolge ich ein klares konzept:
zwei tage aus diesem heurigen projekt sind - meiner meinung nach - auch blogtauglich. daher stelle ich sie hier vor.
* * *
aus: eine „art" tagebuch II.
2007
thursday
march
1
das leben will geatmet sein, in seiner ganzen macht und struktur. so weitab war ich vor sechs jahren, auch an einem donnerstage, so fern von mir, dass ich mich tatsächlich selbst angreifen und emporziehen konnte in dies neue dasein, das so viele herausforderungen und geschenke für mich hat. ich fühle die kraft der damaligen erfahrung auch heute noch in mir, wie einen glockenhellen ton, der einer klangschale durch eine sanfte berührung entstiegen ist und nun wie der rauch eines räucherstäbchens tröstend in der luft hängt. diese schwaden tanzen kaum, sie haben eher die art von imaginierten inseln, zwischen welchen das „mehr" seine wellen aufwirft. tosend und strahlend rauschen die weltchöre über all dem dahin, und zeigen mir an den gelobten tagen, wo ich dazu in der lage bin, die pracht zu ertragen, weitere diamanten, gold und edles olivenholz… und die ganze wegstrecke bis zu jenem tag vor genau sechs jahren reicht mir nahrung, geschmack und sinnlichen traumstoff, den ich mit wachem gemüte um meinen leib lege. alle tage singen für mich und bieten mir ein neues tor in meine eigenen unbekannten zimmer; manches darin liegt noch bedeckt von tüchern, die blicke und staub abhalten sollen; anderes liegt offen und breit, sehr einladend vor mir; wieder anderes ist unsichtbar – mit dem boden bereits mimikrierend verschmolzen. es ist mir kaum noch möglich, gute zeiten benennend und wertend mit den sogenannten schlechten zeiten zu vergleichen, wie eine stimmenerschaffende polysinnliche kontrapunktik, die nie erschöpft sich entladet, so tauche ich mit jedem tag tiefer in mich, und aus mir heraus, in ein du.
* * *
tuesday
may
1
das feuer der freundschaft loderte an diesem ersten mai nicht nur zwischen martin und mir, nein, auch in der feuerstelle im garten erhoben sich tanzend die flammen, die uns so viel erzählen: zeitlos ist das feuer, es begleitet uns menschen seit anbeginn, und es wird noch mit seinem funkenflug, seiner musik, seiner züngelnden faszination da sein, wenn der letzte mensch von dieser erde verschwindet. sonne, du schöpferin, im alten ägypten wurdest du als gott verehrt; heute will der mensch mit seiner lächerlichen wissenschaft in dich eindringen, und vergrößert doch nur seine innere kälte. das morgenfeuer, wenn die glut des nächtlichen lagers noch rauchend im steinkreise brütet, es bemächtigt sich der pflanzungen, in den brüdern des feuers: den bäumen. so viele tode starben die wälder schon, nur für die wärmere stube eines affen, aber das holz will brennen, und seine wärme erlöst sich auch ohne funke. sind nicht die formen der maserung lodernde flammen? überzieht nicht eine wiese mit ihren millionen halmen die fruchtbare erde wie ein lauffeuer? in der vermählung von feuer und holz offenbart sich das wesen der dinglichen optionen, die wir nur erahnend umfassen können… der sterbende baum, der im waldbrand vergeht, hatte das feuer in sich, und er wusste schon, wie er gehen wird, wenn er als trieb erstmals die erde durchdrang. auch wolken, diese trabanten der seele, sind manifestationen von inneren kräften, und den bäumen damit gleich; das netz der welt zieht seine spur auch dort, wo es nicht wahrgenommen wird: im eigenen geist, der mir nicht gehört.
in diesem buch verfolge ich ein klares konzept:
- jeder tag eine seite
- erlaubt sind nur kleinbuchstaben
- es muss an jedem tag die ganze seite vollgeschrieben werden, und der letze satz ganz rechts unten auf der seite muss beendet werden mit einem punkt.
- es gibt keine vorgaben betreffend inhalt der seite. soweit möglich, sollten tägliche ereignisse lediglich literarisch reflektiv aufscheinen. jedenfalls versuche ich, die form dieser kurzen prosatexte in den griff zu bekommen und auch bei der taxativen aufzählung von ereignissen innovative strukturen und varianzen einzubauen.
- wenn der eintrag nicht daheim erfolgt, wird der ort (cafehäuser, gasthäuser, parks, andere wohnungen,...) in einer separaten liste vermerkt und soll (soweit möglich) im text für den tag auf irgendeine art und weise thematisch reflektiv eingang finden. es darf (in einem jahr) kein ort (mit ausnahme daheim) mehrmals für einen eintrag verwendet werden.
zwei tage aus diesem heurigen projekt sind - meiner meinung nach - auch blogtauglich. daher stelle ich sie hier vor.
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aus: eine „art" tagebuch II.
2007
thursday
march
1
das leben will geatmet sein, in seiner ganzen macht und struktur. so weitab war ich vor sechs jahren, auch an einem donnerstage, so fern von mir, dass ich mich tatsächlich selbst angreifen und emporziehen konnte in dies neue dasein, das so viele herausforderungen und geschenke für mich hat. ich fühle die kraft der damaligen erfahrung auch heute noch in mir, wie einen glockenhellen ton, der einer klangschale durch eine sanfte berührung entstiegen ist und nun wie der rauch eines räucherstäbchens tröstend in der luft hängt. diese schwaden tanzen kaum, sie haben eher die art von imaginierten inseln, zwischen welchen das „mehr" seine wellen aufwirft. tosend und strahlend rauschen die weltchöre über all dem dahin, und zeigen mir an den gelobten tagen, wo ich dazu in der lage bin, die pracht zu ertragen, weitere diamanten, gold und edles olivenholz… und die ganze wegstrecke bis zu jenem tag vor genau sechs jahren reicht mir nahrung, geschmack und sinnlichen traumstoff, den ich mit wachem gemüte um meinen leib lege. alle tage singen für mich und bieten mir ein neues tor in meine eigenen unbekannten zimmer; manches darin liegt noch bedeckt von tüchern, die blicke und staub abhalten sollen; anderes liegt offen und breit, sehr einladend vor mir; wieder anderes ist unsichtbar – mit dem boden bereits mimikrierend verschmolzen. es ist mir kaum noch möglich, gute zeiten benennend und wertend mit den sogenannten schlechten zeiten zu vergleichen, wie eine stimmenerschaffende polysinnliche kontrapunktik, die nie erschöpft sich entladet, so tauche ich mit jedem tag tiefer in mich, und aus mir heraus, in ein du.
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tuesday
may
1
das feuer der freundschaft loderte an diesem ersten mai nicht nur zwischen martin und mir, nein, auch in der feuerstelle im garten erhoben sich tanzend die flammen, die uns so viel erzählen: zeitlos ist das feuer, es begleitet uns menschen seit anbeginn, und es wird noch mit seinem funkenflug, seiner musik, seiner züngelnden faszination da sein, wenn der letzte mensch von dieser erde verschwindet. sonne, du schöpferin, im alten ägypten wurdest du als gott verehrt; heute will der mensch mit seiner lächerlichen wissenschaft in dich eindringen, und vergrößert doch nur seine innere kälte. das morgenfeuer, wenn die glut des nächtlichen lagers noch rauchend im steinkreise brütet, es bemächtigt sich der pflanzungen, in den brüdern des feuers: den bäumen. so viele tode starben die wälder schon, nur für die wärmere stube eines affen, aber das holz will brennen, und seine wärme erlöst sich auch ohne funke. sind nicht die formen der maserung lodernde flammen? überzieht nicht eine wiese mit ihren millionen halmen die fruchtbare erde wie ein lauffeuer? in der vermählung von feuer und holz offenbart sich das wesen der dinglichen optionen, die wir nur erahnend umfassen können… der sterbende baum, der im waldbrand vergeht, hatte das feuer in sich, und er wusste schon, wie er gehen wird, wenn er als trieb erstmals die erde durchdrang. auch wolken, diese trabanten der seele, sind manifestationen von inneren kräften, und den bäumen damit gleich; das netz der welt zieht seine spur auch dort, wo es nicht wahrgenommen wird: im eigenen geist, der mir nicht gehört.
david ramirer - Freitag, 18. Mai 2007, 11:09
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