heimito von doderer

Montag, 5. Mai 2008

die wasserfälle von slunj

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endlich nicht nur gelesen, sondern auch gesehen.

Freitag, 21. März 2008

mein Resumeé zum 12-teiligen Strudlhofstiegenprojekt im Schauspielhaus

im Schauspielhaus Wien wurde in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleitete, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Damit wäre an sich die Sache abgeschlossen, dachte ich. Doch es kam anders. Als ich Dienstag, den 19. März 2008 um 20:15 nach Hause kam, fand ich in meinem Postkasten ein fein säuberlich mit hellblauer Tinte beschriebenes Kuvert mit meinem Namen, im Kuvert steckte eine Karte mit folgenden Worten, in gut leserlicher Handschrift mit grüner Tinte geschrieben:

18. März 2008, abends
"Sehr verehrter Herr Ramirer!
Nach der Lektüre ihrer Besprechungen zu den Strudlhofstiegenadaptionen am Schauspielhaus würde ich Sie gerne interviewen. Ich habe da ein paar Fragen an Sie.
Könnten Sie noch heute ins Café Nuovo Brioni kommen? Ich vermute, Sie wissen, wo es sich befindet?
Bin dort ab 21 Uhr und würde mich freuen,
Ihr
Heimito Doderer


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Eigentlich war ich ziemlich müde nach einem etwas entnervenden Tag, doch es kommt nicht alle Tage vor, vom (noch dazu bereits seit 42 Jahren verstorbenen) Lieblingsautor zu einem Interview eingeladen zu werden. Also machte ich am Fuße kehrt und fuhr zum Brioni beim Franz Josefs-Bahnhof.
Und tatsächlich. Bei einem der Fenster saß, mit einer Schale schwarzem Kaffee, einer Torte, ein paar Füllfedern vor sich am Tisch... Herr von Doderer, der mich bat, Platz zu nehmen. Was ich verdutzt machte.
Er sah gut aus. Gar nicht tot, oder beerdigt, oder krank. Was mich verwunderte: er rauchte nicht. Doch viel zum beobachten kam ich nicht, er nahm das Heft des Gespräches rasch an sich und begann folgendermaßen:

Heimito von Doderer: Herr Ramirer, ich habe Ihre Rezensionen alle gelesen...

ich: Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche: SIE lesen etwas im Internet?

Heimito von Doderer: Nein, das ist ja alles nur ein Blödsinn. Aber manches landet eben ausgedruckt auf meinem Arbeitstisch. Mein Sekretär legt mir Sachen, die interessant sein könnten, auf den Tisch, ich überfliege das dann. Vieles davon ist ja uninteressant, aber ihre Kommentare... da hätte ich ein paar Fragen dazu.

ich: Gerne, gerne. Es ist nur so komisch, dass Sie mich was fragen wollen. ich würde so gerne Ihnen ein paar Fragen stellen...

Heimito von Doderer: Das wäre viel zu gewöhnlich, oder nicht? Der Autor der interviewt wird. Das kennen wir ja alles schon. Da der Leser dem Autor gleichrangig ist, kann der Spieß auch umgedreht werden, und das tue ich hiermit.
Also, erste Frage: Haben Sie den Eindruck, dass dieses nun abgeschlossene Theaterprojekt meinem Roman genutzt hat?


ich: Meiner Meinung nach ist ihr Roman eine vollkommene Sache. So ein schönes Buch habe ich kein zweites gelesen. Jedes Wort an seinem Platz, die Geschichte kann vom Leser als Werkzeug für eigene Lebenserfahrungen herangezogen werden. Mir hat der Roman, als ich ihn las, eine Wärme vermittelt, die ich in anderen Büchern vermisst habe. Ich war dem Projekt am Schauspielhaus gegenüber sehr skeptisch: Meine Strudlhofstiege wollen die theatermäßig umsetzen - kann das gut gehen? Und ich finde es sehr passend, dass ich Ihnen gegenüber die Wendung "meine Stiege" verwende, denn ich als Leser habe an "meiner Lesart" des Buches ja auch schöpferischen Anteil und liebe das Buch - ähnlich wie Sie es liebten, als sie es schrieben.
ich ging also skeptisch hin, und wurde überrascht. Das Theater kann vielleicht den Roman nicht "verbessern", aber es kann neue Türen ins Buch eröffnen, und das ist beeindruckend gelungen.

Heimito von Doderer: Jeder Leser meiner Bücher findet doch von selber ins Buch, oder nicht? Braucht es da neue Türen?

ich: Für mich war z.B. Ihre Stimme die Tür. Ich hörte Sie einmal die Seite 331 auf einer Aufnahme vorlesen und fand Zugang in das Buch. Drei Anläufe hatten vorher nicht gefruchtet, dann ging es - und wie! Fast jeden Tag sich selbst wiederfinden in gedruckten Wörtern, was für ein Erlebnis. Ein Buch als Spiegel. Wunderbar - aber sie kennen das ja von Güterslohs "Bekenntnissen".

Heimito von Doderer: So wie mir mit Gütersloh ging es Ihnen mit der Strudlhofstiege?

ich: ich glaube schon, ja. Obwohl man sowas ja schwer vergleichen kann.

Heimito von Doderer: Ich habe, auch aus anderen Kritiken der Stücke, vor allem auch von mir sehr verbundenen Lesern und Autoren, erfahren, dass mit meinen Figuren dort sehr lieblos umgegangen wurde, dass brutal gekürzt, dass billiger Witz angewendet wurde. Sehen Sie das nicht auch? Oder täuschen sich die alle?

ich: Es war eine teilweise sehr heftige Sache. Manche der Folgen hatten nur oberflächlich mit Ihren Inhalten zu tun, andere boten Passagen von bemerkenswert werktreuer Intensität. Es war ein Wechselbad. Es wäre etwas einseitig, nur das weitab liegende zu sehen, das es ja gab. Ich sah auch - und bemühte mich auch darum - das sehr liebevoll sich nähernde. Das zum Teil hilflos ausweichende, aber dabei niemals herunterputzende. Die Mitwirkenden haben sich, das war für mich zu sehen, sehr in Ihr Buch eingelassen. Nicht immer fanden sie umsetzbares, oder mussten Dinge stark adaptieren. Dabei entfernten sich etliche Passagen meilenweit von dem, was den Sprachexperten in ihrem großartigen Buch so wertvoll ist, und auch von dem, was Sie selbst so lieben: die Sprache und ihre Musik. Doch das Theater (mit welchem Sie ja, wenn ich einem Interview glauben schenken darf, nichts anfangen können) hat auch andere Möglichkeiten. Die Optionen der Gestik, kleinste Veränderungen des Lichts, räumliche Alterationen... die Magie des Theaters benutzt Sprache nur als eine Schiene, und die anderen sind ebenso wichtig. Die starken Kritiker des Projektes knien sich meist auf die sprachlichen Verluste. Doch was wurde alles in den anderen Ebenen aufgeboten! Das nicht zu sehen bedeutet: Enttäuschung, ganz klar.

Heimito von Doderer: Wie Sie richtig sagen, mir hat das Theater zeitlebens nichts gegeben. Gehen Sie gerne ins Theater?

ich: Hin und wieder, viel zu selten, kommt mir vor. Das körperliche Erleben von Sprache ist etwas ganz besonders schönes. Auch ihre Sprache kennt das.

Heimito von Doderer: Wo finden Sie das in meinen Texten, das "körperliche"?

ich: Beispielsweise in vielen ihrer Gedichte, die ich sehr liebe. Das Motto "Auf die Strudlhofstiege zu Wien" kann ich auswendig, und wenn ich es mir selbst zum Vergnügen vortrage, dann spüre ich es als Berührung an den Schultern, als eine Umarmung, so schön ist das. Oder "Ad Arcum Meum"...

Heimito von Doderer: Sie meinen das?

AD ARCUM MEUM
Numquam deficiens valide qui brachia vibras
ad jactum promptus imposito nervo!
Sic vivat superum mandatis subditus auctor,
tenso animo versus verbaque projiciens.

AN MEINEN BOGEN
Nimmer versagender Freund, wie schnellst du kräftig die Arme,
legt man die Sehne dir ein, bist du zum Schusse bereit!
Also müßte der Schreibende sein: vom höheren Auftrag
jetzt hinunter gebeugt, springt ihm die Sprache hervor.


ich: Genau! Unfassbar herrlich ist das! Das hat genau diese körperliche Qualität, die ich meine.

Heimito von Doderer: Es ist immer wieder schön, wenn man Leser trifft, die auch zum Gespräch bereit sind. Ich merke aber jetzt, dass Sie müde werden. Ich denke, es ist besser, Sie fahren jetzt nach Hause!

ich: Sie sind ein guter Beobachter und lieben die Menschen, über die Sie schreiben... ich danke Ihnen für die Fragen, es war ein "echtes" Erlebnis, Sie kennenzulernen.

Heimito von Doderer: Wir sehen uns also in den "Dämonen" wieder?

ich: Früher oder später mit Sicherheit. ich muss erst noch die Türe finden...

Heimito von Doderer: Sie werden sie finden, darauf vertraue ich. Servus, Ramirer!

ich: Sagen Sie "David". Gute Nacht!

Donnerstag, 20. März 2008

Folge 12: Der traurige Filou oder Omelette suprise

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 12: Der traurige Filou oder Omelette suprise (Aufführung vom 20.3.2008)
Regie: Harry Brückner
Seite 842-909

Eines der Geheimnisse des Lebens ist - so betont es Doderer nicht nur in zahlreichen theoretischen Abhandlungen, sondern auch praktisch demonstriert z.B. im Stiegenroman - das "fatologische Gewebe", dieses Netz aus einander bedingenden kleinen Details, bei dem es auf jede Einzelheit ankommt. Was wäre, wenn dieses oder jenes nicht geschehen wäre... und was hätte es nach sich gezogen... bzw. wieso ist auf dieses eine Ereignis wirklich dieses andere erfolgt, das dann dieses dritte Geschehnis ausgelöst hat, noch dazu nahezu gleichzeitig. Beim Lesen und Näherkommen der Strudlhofstiegenarchitektur (also: der Romanarchitektur) entwickelt der Leser (da muss er gar nicht ein "idealer" Leser sein) ein Gespür für diese auf so charmante Art und Weise humorvolle Art, das Leben zu sehen.

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Fast körperlich spürbar wurde es am Beginn der abschließenden zwölften Folge begreifbar gemacht, was geschieht, wenn eine Figur einfach nicht da ist: das Gewebe ist gestört, es können Ereignisse auf der Bühne nicht so ablaufen, wie ursprünglich geplant. Das "fatologische Gewebe" greift natürlich auch bei den dramatischen Künsten, und wenn eine Figur sich weigert (Angela Ascher) ihre Rolle zu übernehmen, dann haben die anderen Figuren einiges an Problemen. Doch die Figur kann dem Gesetz der Geschichte nicht dauerhaft entfliehen. Die anderen Schauspieler sorgten dafür, dass alles den inzwischen schon liebgewonnenen Gang geht: den Gang der "inszenierten Improvisation", wo diesmal aus Mangel der eigentlich zentralen Figur (Mary K.) der Major Melzer (Johannes Zeiler) das Motto aus der Strudlhofstiege lesend vorträgt. Er wird dabei zwar von Marion Reiser ein paar mal im Lesefluß abgelenkt, aber in Erinnerung an die ganz erste Folge rückt sich da für mich etwas gerade: SO kann dieses wunderbare Gedicht trotz Störungen und nicht ganz lupenreinem Vortrag wirklich beeindruckend herüberkommen. Am Telefon fehlt einfach der Schauspieler dazu; auf subtile Weise schließt sich da ein Kreis.

Die Schauspieler waren für zwölf Wochen in dem Roman zu Hause, und es wird auch spürbar, dass es den vieren nicht leicht damit ist, Abschied zu nehmen. Für die Besucher aller zwölf Teile (zu denen ich mich glücklicherweise zählen kann) gerät die letzte Folge zu einem grandiosen Finale. Die Höhepunkte aus den vergangenen Wochen tauchen wieder auf, und die Darsteller zelebrieren diesen Abschied mit viel Hingabe. Großartig der neuerliche Wutausbruch des Rittmeisters (Christian Dolezal), gegen den sich allerdings, anders als in Folge 5, die Theo Rokitzer mit einer sehr überzeugenden Gegenwut zu erwehren weiß. Das passiert zwar im Roman nirgends in der Form, hat aber dadurch seinen Platz, dass durch die Verlobung mit Melzer schon in gewisser Weise dem Rittmeister erfolgreich das Maul gestopft wird (was ja auch Zeit wurde).

Melzers Vornamen erfahren wir auch in der Theaterfassung selbstverständlich nicht, dass ihn aber auch Melzer selbst nicht weiß, und ihn die Thea Rokitzer somit auch nicht erfährt, und sich selbst einen Namen ausdenken soll... das liegt weit hinter der genialen Idee Doderers, hier die Figur des Melzer als quasi Unbekannten erst sich erheben zu lassen, der durch ein Wort, das "der Autor nicht kennt", und daher auch nicht aussprechen oder niederschreiben kann, seine Weihe erfährt. Dieser Moment wird in dieser Inszenierung nicht annähernd umgesetzt, aber was macht das schon?

Sehr vieles wurde auch in dieser zwölften Folge verändert, umgestellt, durcheinandergewirbelt, in Frage gestellt und spielerisch dramatisiert. Das Ende als rauschende Hochzeit findet statt, da deckt es sich wieder mit dem Buch. Aus dem Gewirr aus fragmentarischen Bezügen erhebt sich letztlich viel Liebe fürs Detail und eine berauschende Szene, die mit starkem Applaus zu recht belohnt wird.

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Das letzte Omelette war wieder überraschend und macht Appetit auf mehr. Einer epischen Literatur sich so zu nähern, so spielerisch, so kreativ, so erfrischend, das sollte Schule machen. Das Publikum wird, genau wie die Schauspieler und Regisseure auch, den Roman nunmehr mit anderen Augen lesen, und eines ist gewiss: so verwirrend, wie die Theaterfassung es ist, ist das Buch keinesfalls.
Und es bricht somit also eine neue Ära der Doderer-Lektüre an, wenn ein neuer Leser der Strudlhofstiege, vom Theater kommend, nach den ersten 100 Seiten der Strudlhofstiegenlektüre sagt: "Was für eine Erholung".
Das ist eine echte Leistung... und nicht nur dazu meine Gratulation!

Mittwoch, 19. März 2008

ich werde es wohl vermissen...

12 stufen
...aber die erinnerung bleibt.

Freitag, 14. März 2008

11. Folge: Fliegende Fauteuils

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 11: Fliegende Fauteuils (Aufführung vom 14.3.2008)
Regie: Tomas Schweigen
Seite 790-842

In der Mitte des Raumes diesesmal ein mächtiger Sarg, Sitzgelegenheiten in respektvollem Abstand, die Fenster verdunkelt. Bereits beim Einlass befinden sich die Schauspieler im Raum bzw. kommen gemeinsam mit dem Publikum zu dieser Trauerfeierlichkeit. Die Schauspieler geben eine ernste Stimmung vor; betreten blicken sie, und obwohl es "4 gegen 30" steht, befindet sich das ganze Publikum nach dem Verschliessen der Tür in dieser beklemmenden Wartehaltung, die auch einer Totenwache zu eigen ist. Das Stück beginnt heute mit diesem Zu-Machen der Haupteingangstür, und die Stille, die nur durch sachtes Orgelspiel (Bachs "Passacaglia" BWV 582 ganz zu Beginn und das wunderschöne Adagio aus der großen "Toccata in C-Dur" BWV 564) veredelt wird, macht alle Anwesenden zu Trauergästen.

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Johannes Zeiler, der heute nicht durch die Titelmelodie und den sonst am Beginn üblichen Ansager in eine bestimmte Rolle (Melzer, Fraunholzer, Doderer oder sonst wen) transportiert wird, ist der erste, der sich bewegt. In zaghaftestem Tempo geht er, jedes Knarren der Holzdielen vermeidend zur gegenüber sitzenden Marion Reiser, um mit ihr unverständliches zu flüstern.

Es ist Etelka, die Schwester René Stangelers, die hier im Zentrum der Ereignisse heute ihren Raum posthum bekommt. René (Christian Dolezal) ist anwesend und erzählt, wie er nach Budapest gefahren, und dort über die Umstände ihres Ablebens in Kenntnis gesetzt worden ist. Doch die Stille (und Renés Erzählung) wird unterbrochen, die Versatzstücke aus den vergangenen Folgen tauchen auf - die Titelmelodie bricht in die Stille, der Ansager plärrt eine Kurzzusammenfassung, das Telefon läutet... und die ansonsten schon zur Gewohnheit gewordenen Serien-Erkennungselemente verwandeln sich in Störungen, denen sich die Schauspieler gemeinsam zu erwehren versuchen, um die Ruhe und Andacht wieder herzustellen.

Erstaunlich war, wie gut das funktionierte, mit wie wenig Mitteln bereits eine völlig andere Grundstimmung hergestellt wurde als in den Folgen zuvor. Die meiste Zeit des elften Abends blieb auf dieser doch gemessenen Ebene, auch wenn es viele Passagen gab, die durchaus mit viel Humor vorgebracht wurden (etwa die Erörterungen von Zeiler über die Formen des Serientodes, oder aber auch das Interview mit Angela Ascher über ihren persönlichen Umgang mit dem Tod der Figur, die sie verkörperte) wechselte die Stimmung bisweilen, wenn René seinen Erzählfaden weiterspinnt, oder Asta Stangeler (Marion Reiser) die Bühne betritt und den Lobessermon auf die Verstorbene mit den Worten "meine Schwester war krank. Sie war manisch-depressiv" unterbricht, und ein Video mit vergangenen Szenenfragmenten, Versatzstücke einer Figur, vorspielt. Etelka bekommt in diesen kurzen Momenten ein klar umrissenes Wesensbild, das in den Folgen davor nur zwischen den anderen Handlungsfragmenten aufblitzte. Besucher der ganzen Serie konnten hier Erinnerungen auffrischen: wie das ja auch bei Abschieden durch Ableben oft der Fall ist.

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Am Ende gewinnt aber das "Gesetz der Serie" doch wieder (wenn auch nur kurz) die Oberhand. Der Serien-Ansager meldet sich zu Wort und stellt ein paar der Schauspieler hinter dem Sarg auf, damit sie schnell noch eine Szene "kreativ" umsetzen, z.B. die Szene mit Eulenfeld, Mimi/Editha und Thea Rokitzer, die von den Duplizitätsgören "gerollt" wird. Flugs ist aus René der Rittmeister geworden, Reiser und Ascher spielen zunächst die Zwillinge, bevor also Thea hereinkommt und die Melzer-Papiere an sich nimmt. Diese Passage ist mit einer derart erfrischenden Selbstironie gespielt, dass der Kontrast zum restlichen Abend sich kurzfristig stark etablieren konnte. Ein wenig wie die Erholung nach einem Begräbnis... und alles hätte so witzig mit einem Cliffhanger wie sonst auch enden können, wenn nicht plötzlich die Tür aufgesprungen und der Konsul Fraunholzer hereingestürmt wäre, um einen Teil Renés früherer Erzählung eindrucksvoll umzusetzen:

"(...)Ich sah Robert am Fußende des Bettes zusammenbrechen, zusammenrumpeln, als hätte man dort einen Sack mit Holzscheiten ausgeleert. Eine ungeordnete Masse, aus der es stöhnte, wirklich wie Hals über Kopf, Arm über Hand.(...)"

Somit endete der Abend in ernster, gemessener Grundstimmung, und hinterlässt das Gefühl, einer sehr differenzierten Betrachtung über die Tatsache des Todes beigewohnt zu haben. Der Tod Etelkas führt zu vielen weiteren Ereignissen im Roman und hat somit in der Serie den verstörenden Raum erhalten, den er verdient.

Freitag, 7. März 2008

10. Folge: Jetzt oder nie

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 10: Jetzt oder nie (Aufführung vom 7.3.2008)
Regie: Dominique Schnizer
Seite 721-790

Es gab in den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine berühmt gewordene TV-Serie des amerikanischen Regisseurs David Lynch mit dem Namen "Twin Peaks", die sich unter anderem auch dadurch auszeichnete, dass eine kaum überschaubare Anzahl an Protagonisten sich in einem kaum zu durchschauenden Geflecht von Bezügen und miteinander sich verwebenden Schicksalsketten in einem kleinen Ort in den USA rund um einige mysteriöse Vorfälle begegnen. Da war unter anderem der FBI Special Agent Dale B. Cooper, der versuchte, den Mord an dem blonden High-School-Girl Laura Palmer aufzuklären, und dabei mit Mächten in Kontakt trat, die er am Ende zwar erkannte, aber nicht mehr vom Einfluss auf sich selbst abhalten konnte. Ja, und da gab es eben auch diese Laura Palmer, die in der ersten Folge, gleich zu Beginn tot aufgefunden wurde. Später in der 29 Folgen umfassenden Serie tauchte Maddie Ferguson auf, eine Cousine von der ermordeten Laura Palmer, die ihr (abgesehen von der Haarfarbe) wie ein Zwilling glich. Die Musik der Serie steuerte (wie in sehr vielen anderen David Lynch-Filmen) Angelo Badalamenti bei, und diese steht seither für "Mystery" schlechthin. Warum erzähle ich das?

Beim Eintreten wird mittels Beamer eine Dokumentation gezeigt, die mit amateurhafter Videokamera - Blair Witch Projekt-Zitat! - den Major Melzer (Johannes Zeiler) von einem Interviewer begleitet im neunten Bezirk herumstreifen lässt - selbstredend auch zur Stiege, die als Ort des Romans, wie eine Erinnerung dieser Figur beschrieben wird. Im Hintergrund läuft Musik von Twin Peaks, was der Dokumentation den Beigeschmack einer leicht mysteriös angehauchten TV-Sendung verleiht (deren es derzeit einige gibt - denn aus Twin Peaks hat sich ja eine ganze Palette von Nachfolgeserien herausgebildet).

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Ein paar Telefonate später befinden wir uns im Lichtenthal, bei der für Melzer und Thea so wichtigen Gartenparty bei den Schachls. Hier ereilen den Major einige handgreifliche Zitate aus dem hier auch namentlich wunderbar synchron (fast schon obszön) passenden Sparring-Partner Twin Peaks, wenn er sich dem in Zeitlupe im Wutausbruch ergehenden Rittmeister gegenübersieht und den gedoppelten Edithas, die sich von links und rechts in einer Vision vor seinem inneren Auge verwirrend darbieten. Auch Thea Rokitzer (Angela Ascher) schwebt natürlich zur Twin Peaks Titelmelodie vor den staunenden Augen des Majors durch den Garten, und holt Getränke...
Endlich wird auch dem Ur-Zihaloid in einer dem Theater wunderbar entsprechenden Art und Weise Raum gegeben: Christian Dolezal schlüpft in den zu diesem Zeitpunkt schon längst "Mensch gewordenen" Amtsrat und gibt gegenüber dem Major eine Demonstration, was Zihalismus ist (gepaart mit kleinbürgerlichem Gehabe), indem er ihn über die Rauchwaren ausfratschelt. Ein in Folge 5 angerissenes Thema wurde also nun endlich tatsächlich auf die Bühne geholt. Angesichts dieses lebendigen Zihalismus ernst zu bleiben, ist wohl hoffentlich auch für den zihalistischsten Heimitisten zuviel verlangt. Dolezal kassierte vorher auch für die wunderbare Skizze des Herrn Ing. Schachl seine verdienten Lacher.

Der arme Major Melzer wird ja zwei mal auf möglicherweise bei ihm anzutreffende Unpünktlichkeit angesprochen, was selbstverständlich zu entrüsteten Reaktionen führt. Da schmeckt dann die (tatsächlich nicht selbstgemachte!) Roulade nur mehr halb so gut, die ja auch ohne Thea gegessen werden muss (mit den Fingern), da diese ihr Entsetzen über den armen Bären nur durch Flucht verarbeiten konnte. Zeiler spielt die Entrüstung und den "Angriff auf seine Ehre" ganz großartig, aber auch Marion Reiser (als Editha, oder Mimi?) gibt die darauf auch kurzfristig eingeschnappte methodische Verführerin wunderbar.

Wie in früheren Folgen endet der 10. Abend mit einem Cliffhanger, nachdem René den Major Melzer vom Tode seiner Schwester Etelka unterrichtet hat, und Mary K. sich die Schuhe anzieht, um das Haus zu verlassen.
Vielleicht wird das Schildern der Ereignisse auch deshalb hier im Theater deswegen etwas leichter nachvollziehbar, weil sich der Stiegenroman ja auf den letzten paar hundert Seiten sehr "einbremst" und keine großen Zeitsprünge mehr unternimmt, wenn diese letzten Stunden des 21. Septembers 1925 erzählt werden. Vielleicht wird auch ganz am Ende noch erklärt, warum Mary K. sich den Tee hier in der Schneiderei mit ihren schönen Beinen erfolglos einschenkt: mir erscheint diese Erfindung nach wie vor als höchst mysteriös.

Mysteriös ist das Schicksal bisweilen aber auch bei Heimito von Doderer; und der Bezug zu David Lynch ist für diejenigen, die es erkannten, eine Art Bonuszuckerl des zehnten Abends gewesen (zu einigen wirklich vergnüglichen Szenen).

wieder mal geklont

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...diesesmal sieben stück auf der zu recht beliebten stiege im neunten bezirk.

Freitag, 29. Februar 2008

9. Folge: Rosenpopo

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 9: Rosenpopo (Aufführung vom 29.2.2008)
Regie: Alice Buddeberg
Seite 655-721

Im sehr krassen Kontrast zu den in den vergangenen Wochen zur Schau gestellten Inszenierungen nimmt Alice Buddeberg sich dem Dodererschen Figurenarsenal auf liebevoll-zärtliche Art und Weise an. Es ist daher in meinen Augen auch kein Zufall, dass die Figur der Thea Rokitzer in dieser Folge als kindlich gestaltete lebensgroße Papiermachépuppe auftritt und auf dem Schoß von Angela Ascher ihre innere Leere ergreifend offenbart. Der dadurch umgesetzte Umgang mit der Figur der Thea hat etwas fürsorgliches, und in ähnlicher Weise wird mit den Figuren, die von Menschen verkörpert werden, auch umgegangen.
Dieser liebevolle Umgang mit seinen Figuren eignet auch Herrn Doderer... was bisher noch kein einziges Mal spürbar gemacht wurde. Dafür alleine schon sei Frau Buddeberg Dank gesagt.

"Mit dem Krieg hat das alles nichts zu tun" fungiert als ausgesprochene Chiffre für die Szenenwechsel, in welchen die Figuren, die diesesmal durch starke weiße Gesichtsschminke Erinnerungen an die Commedia dell'arte, (aber auch an das Marionettentheater) aufkommen lassen, sich schlacksig und puppenhaft zu ihren neuen Plätzen begeben. Dort schlüpfen sie aber auf bewundernswerte Art und Weise in ihre Rollen und verkörpern die Schlüsselszenen der diesesmal aus dem Roman entnommenen Seiten.

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Dazu gehört unter anderem die oben schon erwähnte Visualisierung der Rokitzerischen inneren Leere, und es hebt sich von den anderen Inszenierungen stark ab, dass zu diesem Behufe fast nur unveränderte Zitate aus dem Roman verwendet worden sind.
Einmal nur schiebt sich ein anderer wesentlicher österreichischer Autor ein: Ernst Jandl und sein "schtzngrmm" wird vom Major Melzer (Johannes Zeiler), der ja doch auch seine Kriegserinnerungen mit sich herumträgt, intoniert... dem eklatant widersprechend, dass das alles "mit dem Krieg nichts zu tun hat".

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Meisterhaft umgesetzt wurde die Gesprächssituation zwischen Melzer und Stangeler, die den Weg zum Bärenfell in schweigendem, sich gegenseitig zaghaft abtastendem Mimen- und Körpersprachenspiel "abfeiern". Da sitzt jede Drehung der Körper zueinander, jedes Warten, Zögern... das Schweigen ist beredter als viele Worte das vermögen könnten. Erinnerungen an Folge 7, wo ein Gespräch zwischen den beiden Männern so lieblos abgenudelt wurde, verpuffen angesichts dieses intimen Dialoges. Stangeler spielt verträumt am Lichtschalter, Melzer sucht währenddessen nach Worten, und das Gespräch baut sich auf ganz wenigen, klaren Begriffen und Sätzen aufruhend auf. Zeit wird hier lebendigst genutzt, und der Betrachter tritt in den Rythmus dieses Gespräches ein wie in einen eigenen Raum.

Wie ein Fenster erschien mir diese neunte Folge - ein Fenster in eine andere Form des Theaters (im Vergleich zu den anderen acht Episoden), und wie Fenster öffneten sich auch die einzelnen Episoden, jede einzelne hatte die Energie, sich jeweils links und rechts der Zeitachse weiter auszudehnen, was zu einer szenischen Collage führte, die sich statisch - und doch auch sehr dynamisch - zusammensetzte: eine Kombination der Zustände, die nur mittels Magie hergestellt werden kann.
Staunend wurde Theater lebendig und wie in noch keiner Episode bisher nachdrücklich demonstriert, dass Doderers Sprache sehr wohl theatertauglich ist... und mehr als das: dem Theater viel zu geben hat...

(...) Er schwieg. Das beruhigte Melzern in einer seltsamen Weise: daß nämlich jenem die Sprache nicht durchging. Daß er absetzte. Langsam redete, immer noch knapp, immer noch die Worte wägend. Es gab Vertrauen, so etwa fühlt' es der Major; und nicht eigentlich in das Gesagte, wohl aber in die Gültigkeit dieser Situation. (...) (Seite 686)

...auch wenn das vielleicht im Grunde alles nur Gemeinheiten sind.

Freitag, 22. Februar 2008

8. Folge: Duplizitäts-Gören

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 8: Duplizitäts-Gören (Aufführung vom 22.2.2008)
Regie: Florian Flicker
Seite 559-654

Als Teil des Inventares liegen (Ascher, Reiser, Dolezal) und sitzen (Zeiler) die Protagonisten bereits vor Beginn des Stückes, beim Einströmen des Publikums, im raumgreifenden Doppelbett und bauen dadurch einen intimen Rahmen auf, den das Publikum von Anfang an ignorieren muss, also in ein bewohntes Schlafzimmer hineintritt. Zeiler sitzt als "Heimito von Doderer" neben dem Bett, eine kleine Reitgerte in der Hand und sieht düster in die Runde der Besucher, die drei im Bett lächeln etwas irritiert dem Publikum zu. Ein Tagebuchzitat, das eine Brücke zu den "erleuchteten Fenstern" spannt, wird grimmig von Zeiler mit Peitschenschlag in die linke Hand als Einstieg hervorgestoßen, bevor die Titelmusik und die Vorstellung beginnt.

Verspielt und witzig gerät das Nacherzählen der vergangenen sieben Folgen von der Off-Stimme und das dazu simultan in den Raum werfen von illustrierenden rosa "Moderationskarten" durch die Entourage im Bett.

Die Pastre-Zwillinge und Eulenfeld sind den ganzen Abend lang am beratschlagen und rekapitulieren.
Das Eintreten in das Schlafzimmer Doderers wird dennoch auch eines der Hauptthemen des Abends, indem Dorothea Zeemann eine kleine Rolle erhält und sich in die Figur der Mimi Scarlez (Angela Ascher) einschiebt. Mit Zeemanns Worten wird z.B. Doderers Eifersucht auf Thomas Mann eingebracht. Von Doderer selbst in seinem Tagebuch festgehaltene Probleme mit der Sexualität werden bemüht. Seine von der Öffentlichkeit (und ihm selbst) nie ganz überwundene problematische Positionierung zum Nationalsozialismus werden einerseits äußerst geschmacklos und überspitzt in das andererseits wundervoll rund um und auf dem Bett ablaufende Zitatekonglomerat angesetzt. Wenn die Figur des "Doderer" kurzfristig als Hitler-Epigone da steht und stammelnd schreiend kleinstbürgerlichen Unsinn von sich gibt, dann ist die denkbar größte Distanz zum Stoff des Stiegenromans gegeben. Ich würde die Art des Einflechtens von (fragwürdigen) Biographie-Versatzstücken als "frei assoziative Analyse" bezeichnen, die in der Bezughaftigkeit zur Realität natürlich theatergemäß überhöht und übertreibt (und manchmal strauchelt). Jedoch geht es hier nicht um Inhalte des Romans, sondern um "rein positive Dinge der Forschung", den "Menschen Doderer", der bei aller Kritik auch einen Restbestand an Respekt verdient hat. Dieser geht bisweilen in diesen freien Kakaoschüttaktionen verloren. Was bei den Romaninhalten durchaus steigernd (und verdeutlichend) wirken kann wird bei diesen Details gefährliche Verplattung und Ablenkung.

Die Gespräche zwischen Eulenfeld, Editha Pastré und Mimi bewegen sich in musikalisch hochwertiger Form rund um das Bett, die leise Musik aus dem Off bildet einen Teppich, auf dem die Zitate sich dramaturgisch schön aufschraubend emporhangeln.
Doderer schlüpft ins Bett (zu Mimi/Dorothea), in dem die Romanfiguren gerade sprechen, er mischt sich in die Geschichte dissonant-störend ein, was nur dann bei der Lektüre des Romans passieren kann, wenn zuviel an Sekundärliteratur zeitgleich konsumiert wird.

Der achte Abend hatte dramaturgisch dennoch eine besondere Qualität, da die Stimmung etwas sehr chaotisch-intimes aufbot und mit sehr geringen technischen Mitteln (Sprache, Tempo, ausgeklügelte Raumnutzung) unglaublich viel bewegte. Die Zeit verflog und war dennoch dicht gepackt mit "Stimmung".

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Freitag, 15. Februar 2008

7. Folge: Zarte Wäsche

im Schauspielhaus Wien wird derzeit in zwölf Folgen Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als "Fortsetzungstheaterstück" aufgeführt: 12 Abende, 12 Regisseure, 4 Schauspielerinnen und Schauspieler, 900 Seiten Roman.
Ich begleite, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Heimito von Doderer-Gesellschaft, dieses Projekt in Form von kurzen Eindruckswiedergaben, die im
Doderer-Forum, und hier, nachzulesen sind.

Folge 7: Zarte Wäsche (Aufführung vom 15.2.2008)
Regie: Hauke Lanz
Seite 479-558

Die Inszenierung der siebenten Folge zeichnet sich gegenüber den bisherigen Episoden durch extreme Verknappung und inhaltliche Verkürzung aus.
Wenngleich auch in den bisherigen Regiearbeiten auf Werktreue wenig Wert gelegt wurde (was ich als höchst erfrischend empfand) wirken die Metaphern und theatralischen Mittel diesesmal fast amputiert und herbeigezogen: Die Gondel (der blaue Waschtrog) hob sich / Das schnell Versinkende lässt Bläschen aufsteigen (der kaputte Fahrradschlauch bei der Suche nach dem Loch).

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Ein Gespräch zwischen Melzer und René Stangeler versinkt in die absolute Bedeutungslosigkeit und erreicht lediglich ein paar Lacher wegen der alltäglichen Kryptik des aneinander vorbeiredens der grundverschiedenen Männer... was im Roman herauskommt, verflacht aber leider hier: Melzer und Stangeler erscheinen durch die Beliebigkeit des Dialoges gleich desinteressiert an dem, worüber sie reden, das Profil geht verloren, was schade ist: die Figur des René Stangeler (Christian Dolezal) war eine in den sechs ersten Folgen gut aufgebaute Erscheinung, die heute Risse durch Unglaubwürdigkeit bekam.
Sehr heftig poltert die Szene mit Konsul Fraunholzer und einer gewohnt manisch-depressiven Etelka (Angela Ascher), die sich dem 70er-Jahre-Lausbuben Karl von W. hingibt, durch die Schneiderei. Sehr laut, sehr heftig, dramatisch... mit zu wenig Raum für die subtilen Abschattierungen dieser nicht gerade einfachen Szene des Buches.

IMG_1560

Das Auftreten der gedoppelten Pastrés gelingt gut und erinnert an Höhepunkte der vergangenen sechs Folgen, doch insgesamt ging der siebente Abend als schwache Dissonanz zu Ende: es fehlte zuviel, um die angegebenen Seiten umzusetzen.

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