testament

ja, unglaublich, seit nahezu der selben zeitspanne, in der ich jetzt auf diesem planeten meinen weg gehe, hat keith jarrett seine soloimprovisationskonzerte immer wieder durchgeführt. zum ersten mal in heidelberg, "irgendwann in den frühen siebzigern", schreibt er im booklet seiner neuesten cd "testament - paris / london", habe er bei seinem set begonnen zu spielen und am ende des sets einfach nicht aufgehört zu spielen, sondern weitergespielt. so entstanden dann seine solo-konzerte, von denen auch heute noch immer das köln konzert das berühmteste ist. fast jeder, denn ich auf keith jarrett anspreche, erwähnt sofort das köln konzert aus dem jahre 1975, das ja auch zu den meistverkauften solo-schallplatten der welt gehört. ich würde nicht sagen, dass das schade ist (denn das köln konzert ist tatsächlich ein besonderes stück musik), aber die bekanntheit dieser aufnahme stellt andere seiner konzerte leider in den schatten. wenn ich zum beispiel an die ganz phänomenalen fünf sun bear concerts denke, die er ein jahr nach köln in den großen japanischen städten kyoto, nagoya, tokyo, sapporo und osaka aufgenommen hat - die stellen einen raum dar, zu dem das köln konzert nur eine treppe ist, ähnlich wie die strudlhofstiege von doderer eine rampe zu den dämonen ist. aber auch das soloconcert, das er 1981 in bregenz aufgenommen hat würde weit mehr bekanntheit verdienen. aber vielleicht genügt der "breiten masse" das köln konzert in seiner übersichtlichkeit, in seiner geschlossenen form, in seiner komplexen, aber eher in sich ruhenden, zu sich zurückfindenden form. jarrett kann sich nicht beklagen, was den besuch seiner konzerte betrifft: solokonzerte sind rasch ausverkauft, karten sind rar, er hat eine fest zu ihm stehende fangemeinde. er kann es sich sogar leisten, an seinen abenden zum publikum unhöflich zu sein, was ich einmal in wien selbst erleben konnte. natürlich, auch mich störten die huster und nicht-aufpasser im publikum enorm, aber seine reaktion hatte etwas publikum-abgewandtes, was ich sehr schade fand. die musikalische reise, die jarrett in den letzten nahezu 40 jahren gemeinsam mit seinem publikum (egal ob live oder auf den aufnahmen) unternommen hat, dauert schon alleine an zeit bemessen recht lange. alleine die solo-konzerte, die auf cd erhältlich sind, dauern zusammengenommen ca. einen vollen tag, wenn man sie ohne pause nacheinander anhören würde. wenn nun eines seiner konzerte schon mal aus zwei pausenfreien stücken von je etwa 35 minuten bestehen kann und zeit und ihre wahrnehmbare gestaltung hier eine nicht unbedeutende rolle spielt, so ist es aber auch die menschliche unmittelbarkeit, die bewegend ist an seiner musik. die konzerte sind nicht "austauschbar", das köln konzert hat eine völlig andere form und innere haltung wie das konzert aus bregenz 1981 oder auch das wunderschöne vienna concert aus dem jahre 1991, das er in der staatsoper aufgenommen hat. wenn jarrett sich also durch die musik eines konzertes bewegt, so bewegt er sich auch konsequent und ohne rücksicht auf verluste oder naheliegende publikumsinteressen durch die konzerte und hat sich im laufe der zeit viel abringen müssen, um nicht ein epigone seiner selbst zu werden. irgendwann nach dem konzert in wien 1991 hat er auf seiner reise begonnen, terrain zu betreten, dem ich nicht folgen wollte, oder vielleicht auch nicht konnte - wobei das ja keine große rolle spielt, was genau jetzt der anlass war. natürlich, ich kaufte mir alle seine erhältlichen solokonzerte, die auf cd zu haben sind, und ja, ich hörte sie mir auch immer an. aber die rolle, die seine frühen konzerte bis zum wien konzert 1991 für mich spielten, spielten die konzerte danach nicht mehr... und welche rolle war das eigentlich? in mein leben getreten war keith erst ungefähr 1987 oder 1988, als ich meinen ersten cd-player hatte und neue freunde auf der kunstschule in mein leben traten: helmut und reinhard, die mir sowohl glenn gould als auch keith jarrett vorstellten. das köln konzert als eingang. ein pianist, der sich auf die bühne setzt und ohne vorbereitung eine stunde lang improvisiert, und noch dazu so. recht schnell war das köln konzert okkupiert von mir, es lief im hintergrund, wenn ich malte oder zeichnete, wenn ich schrieb oder las. natürlich erst, nachdem ich es des öfteren begangen hatte, als es so etwas wie ein geistiges getränk geworden war, das auch gut als fluidum verwendet werden konnte. später dann die anderen solokonzerte... bremen, lausanne, natürlich auch eyes of the heart, diese famose cd, wo er mit dewey reedman und anderen gemeinsam aufgetreten ist, ja, auch changeless und changes, aber doch immer wieder die solokonzerte, ein begleiter durch meine letzten 23 jahre. manchmal näher, manchmal ferner, bisweilen mehr, auch mal weniger, aber keith jarrett hat eine sonderstellung in meinem cd-regal und wird sie immer haben. neue solokonzerte von jarrett kaufe ich ungehört. so auch die neue mit dem titel "testament", der doch nachdenklich macht. ein testament ist ein nachlass, das, was man macht, wenn man sich auf den tod vorbereitet. ich konnte der sekundärberichterstattung entnehmen, dass jarrett eine gesundheitlich und persönlich schwere zeit hinter sich hat und aufgrund diverser vorfälle mit seiner energie nunmehr um einiges wirtschaftlicher haushalten muss. "testament" - ein vermächtnis? nun, die scheibe, die zwei konzerte aus dem jahre 2008 einfängt, passt gut in die abfolge der letzten releases: konzerte mit mehreren kürzeren improvisationen, die bei weitem nicht mehr so "niederschwellig" sind wie die früheren konzerte. oberflächlich betrachtet ähneln die beiden konzerte dem von der presse gefeierten konzert in der carnegie hall oder auch der doppel-cd radiance: kaum ein stück überschreitet 15 minuten länge, die in den stücken sich entfaltenden ideen sind voneinander abgesetzter und zueinander nur abstrakt in bezug zu setzen. doch in diesen beiden konzertmitschnitten schwingt eine bewegende, verloren geglaubte ruhe mit, die in radiance fehlte. wenn alle konzerte von keith jarrett in reihe wie ein feuer sind, das am beginn aufloderte, dann lichterloh brannte und viel wärme spendete und funken warf, dann ist die musik von "testament" die glut, die jetzt in der feuerstelle liegt, glosend und dampfend, auf jeden windhauch reagierend und auch noch einen ganzen tag nach dem verlöschen der letzten flamme noch genug hitze in sich tragend, um einem neuen feuer nahrung und boden zu geben. ein tag ist ein jahr. oder auch viele jahre. hoffentlich sehr viele.
david ramirer - Donnerstag, 8. Oktober 2009, 21:20