Natürlich war auch ich mit dem Köln-Konzert eingestiegen, aber schon die Sun Bear Concerts hatten mich damals überfordert. Das Köln-Konzert (und da ist es ja auch nur Part I, das erste "Stück", das den Ruhm begründet), scheint harmonisch zu sein, nach Harmonie "zu streben", mit dieser emotionalen Kulmination am Schluß. Beim Wiederhören bin ich doch immer wieder überrascht, daß die Passagen, die mich berühren, relativ kurz sind, der Aufbau und der Weg zum Ende scheinbar einfach und doch sehr differenziert sind.
Vor einigen Monaten sah ich eine Reportage im Fernsehen über Keith Jarrett und erfuhr so zum ersten Mal persönlicheres über seine Art und seine Entwicklung. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was er tut, wie er es tut, und was das für ihn und seine Hörer bedeutet oder bedeuten kann. Das half mir, mich auch den mir bis dahin fremden Anteilen seiner Musik zu nähern. Ihr Bericht öffnet mir jetzt ein weiteres Feld.
die sun bear concerts sind vom umfang her eine herausforderung, aber hier ist selektives hören gefragt. ich bin kein freund von musikalischen marathon-hör-erlebnissen (und deswegen auch weit davon entfernt, wagnerianer oder überhaupt opernbesucher zu sein) und empfehle einzelne konzerte zu hören, oder eben auch nur einzelne teile von einzelnen konzerten. doch es gibt auch menschen, die diesen langen gestalteten zeitfluss suchen, für die passt es wiederum, alle fünf konzerte am stück anzuhören.
beim köln konzert empfinde ich nur die zugabe als "danebenstehend" (den teil "2c"), der wurde auch auf den ersten cd-editionen weggelassen. die anderen drei teile bilden für mich ein dynamisches ganzes, das sehr harmonisch ist.
es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich musik bei menschen ankommt und was sie alles bedeuten kann...
Daß mir der Part I besser gefällt als die anderen kann in gewissem Maße auch durch die Technik mit bestimmt worden sein. Ich wurde im Hörerlebnis durch die LP geprägt, bei der nach Abspielen einer Seite erst mal Schluß ist. Eine Platte umdrehen (und dann evtl. noch eine zweite auflegen - Köln Concert ist ein Doppelalbum) erfordert gewissen Aufwand, der gerechtfertigt werden muß. Da vom Hörerleben Part I von Anfang an herausragte (auch geprägt durch die Freunde, die Mithörer), blieb es meist dabei. Eine CD abspielen heißt, alle enthaltenen Stücke hören. Damit werden unbewußt auch die anderen Teile eingeprägt und können in bestimmten Momenten in den Vordergrund treten. Allerdings kann ich meinen CD-Spieler programmieren und Stücke gezielt ausblenden (was manchmal wirklich sinnvoll ist). Mit den heutigen MP3-Playern ist das selektive Hören auf eine noch breitere Basis gestellt. Ausschließen geht jetzt sehr schnell, Gewöhnung an Ungewohntes durch immer-wieder-mit-hören findet fast nicht mehr statt.
das kann ich gut nachvollziehen. das wenden der LPs bildete bei manchen aufnahmen eine eigene "magie", die sich im zeitalter der CD (bzw. jetzt schon im zeitalter von mp3) verloren hat. die meister dieses einbeziehens der "technisch bedingten pause" sind meineserachtens pink floyd - die es bei ihren beiden konzeptalben "the dark side of the moon" und "the wall" wirklich geschafft haben, diese stille zwischen den plattenseiten mit einzubauen.
ich erinnere mich noch gut daran, wie ich bei meinen ersten bewussteren hörerfahrungen dieser beiden LPs diese paar sekunden zwischen den plattenseiten als "teil der musik" erlebte und die "kadenz der stille" miterlebte.
wenn man eine musik öfter hört, prägt sie sich mehr ein. ich kenne das auch, dass ich CDs wegen ein oder zwei stücken kaufe und dann manchmal aus faulheit die scheibe weiterlaufen lasse. manchmal dringen dann andere nummern auch ein in den inneren juwelenraum der apperception, so eher von der hintertür also.
jarretts part 1 von köln 1975 ist eine sehr runde sache, die überschaubar und perfekt ist. part 2 muss nicht sein - ähnlich wie bei manchem präludium im wohltemperierten klavier (z.b. nr.7), wo die fuge lediglich ein anhängsel darstellt und ruhig weggelassen werden kann.
Ich habe den Hinweis zum Anlaß genommen und Nr. 7 in der Interpretation von Glenn Gould mit der von Gulda verglichen. Naturgemäß gibt es Unterschiede, die für sich aber schon wieder sehr spannend sind. So gestalten beide z.B. die Tempi, vor allem des Präludiums, recht unterschiedlich. Bei der Gould-Aufnahme (von Platte, Noten mitgelesen) schien das Präludium gar nicht so übel. Doch wiederholtes Hören differenziert auch da.
Jarrett wiederholt sich nicht im eigentlichen Sinne und kann auch schlecht "gecovert" werden. Aber er hat doch seinen eigenen, manchmal wiedererkennbaren, Stil. Einige neuere Stücke, die ich teilweise gehört habe, erinnerten mich etwas an die frühen Sachen bzw. an die Art, wie Jarrett seine Improvisationen aufbaut bzw. durchführt.
Die LP bot / bietet noch weitere Möglichkeiten der Gestaltung. Die Beatles haben am Schluß des Sgt.Pepper Albums eine Endlos-Spur gesetzt, mit aneinandergefügten Schnipseln von Geräuschen, Gesprächen etc. Es ist die letzte Rille der Platte, die in sich selbst übergeht, und die kann nur hören, wer einen Plattenspieler ohne Endabschaltung besitzt. Auf der CD wird diese Stelle nach dem Ende des letzten Stückes ca. 30 Sekunden lang abgespielt, kein Vergleich mit dem selbstbestimmten Laufenlassen auf einem entsprechenden Gerät.
Übrigens gab es bereits vor Erfindung der CD digitale Aufnahmen auf Vinyl-Platten. Ein Freund besaß damals eine Platte (Maxi-Single-Format) mit einer Aufnahme der Ouvertüre 1812 von Tschaikowsky. Die Aufnahme enthielt echte Kanonenschüsse und Glockengeläut. Diese lauten Stellen konnte man mit bloßem Auge erkennen, weil die Rille dort Ausschläge von mehreren Millimetern machte. Hörte sich auf seiner großen Anlage ziemlich gut an.
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Lieber für etwas gehasst werden, das man ist, als für etwas geliebt werden, das man nicht ist. André Gide
Vor einigen Monaten sah ich eine Reportage im Fernsehen über Keith Jarrett und erfuhr so zum ersten Mal persönlicheres über seine Art und seine Entwicklung. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was er tut, wie er es tut, und was das für ihn und seine Hörer bedeutet oder bedeuten kann. Das half mir, mich auch den mir bis dahin fremden Anteilen seiner Musik zu nähern. Ihr Bericht öffnet mir jetzt ein weiteres Feld.
danke für die rückmeldung!
beim köln konzert empfinde ich nur die zugabe als "danebenstehend" (den teil "2c"), der wurde auch auf den ersten cd-editionen weggelassen. die anderen drei teile bilden für mich ein dynamisches ganzes, das sehr harmonisch ist.
es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich musik bei menschen ankommt und was sie alles bedeuten kann...
:)
Hörgewohnheit - technikbestimmt
ich erinnere mich noch gut daran, wie ich bei meinen ersten bewussteren hörerfahrungen dieser beiden LPs diese paar sekunden zwischen den plattenseiten als "teil der musik" erlebte und die "kadenz der stille" miterlebte.
wenn man eine musik öfter hört, prägt sie sich mehr ein. ich kenne das auch, dass ich CDs wegen ein oder zwei stücken kaufe und dann manchmal aus faulheit die scheibe weiterlaufen lasse. manchmal dringen dann andere nummern auch ein in den inneren juwelenraum der apperception, so eher von der hintertür also.
jarretts part 1 von köln 1975 ist eine sehr runde sache, die überschaubar und perfekt ist. part 2 muss nicht sein - ähnlich wie bei manchem präludium im wohltemperierten klavier (z.b. nr.7), wo die fuge lediglich ein anhängsel darstellt und ruhig weggelassen werden kann.
Jarrett wiederholt sich nicht im eigentlichen Sinne und kann auch schlecht "gecovert" werden. Aber er hat doch seinen eigenen, manchmal wiedererkennbaren, Stil. Einige neuere Stücke, die ich teilweise gehört habe, erinnerten mich etwas an die frühen Sachen bzw. an die Art, wie Jarrett seine Improvisationen aufbaut bzw. durchführt.
Die LP bot / bietet noch weitere Möglichkeiten der Gestaltung. Die Beatles haben am Schluß des Sgt.Pepper Albums eine Endlos-Spur gesetzt, mit aneinandergefügten Schnipseln von Geräuschen, Gesprächen etc. Es ist die letzte Rille der Platte, die in sich selbst übergeht, und die kann nur hören, wer einen Plattenspieler ohne Endabschaltung besitzt. Auf der CD wird diese Stelle nach dem Ende des letzten Stückes ca. 30 Sekunden lang abgespielt, kein Vergleich mit dem selbstbestimmten Laufenlassen auf einem entsprechenden Gerät.
Übrigens gab es bereits vor Erfindung der CD digitale Aufnahmen auf Vinyl-Platten. Ein Freund besaß damals eine Platte (Maxi-Single-Format) mit einer Aufnahme der Ouvertüre 1812 von Tschaikowsky. Die Aufnahme enthielt echte Kanonenschüsse und Glockengeläut. Diese lauten Stellen konnte man mit bloßem Auge erkennen, weil die Rille dort Ausschläge von mehreren Millimetern machte. Hörte sich auf seiner großen Anlage ziemlich gut an.